Das wundersame Leben von

Fuchs und Schlange

Kapitel 10

 

 

Regen prasselte gegen die Fenster des Autos. Lucy starre nach draußen. Ihre Augen waren noch feucht von ihren vergossenen Tränen. Nur die Straßenlaternen und die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos erhellten die rabenschwarze Nacht, doch die erstickende Leere in Lucys Herz konnten sie nicht füllen. Ihre Gedanken kreisten nur um eine Person. Lucy wusste nicht, wie es um Schlange stand. Sie wusste nicht einmal ob er noch am Leben war. Sie wusste nur, dass er auf der Intensivstation lag. Was Fuchs anging: Sie vermisste ihn, konnte aber nichts für ihn tun. Ben hielt alles vor ihr geheim. Wünschte er sich etwa, dass Lucy ihren Vater und Schlange so schnell wie möglich wieder vergaß? Wünschte er sich etwa, dass alles wieder so war wie vorher, als Lucy Fuchs noch nicht gekannt hatte? Unauffällig schielte sie zu ihrem Onkel hinüber. Er behielt die Straße mit eisernem Blick die Straße im Auge und versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch Lucy merkte, dass seine Hände zitterten. „Wo ist Fuchs?“, fragte sie. Ihre Stimme hörte sich brüchig an – zu lange hatte sie schon geschwiegen. Ben lachte nur leise. „Was ist daran so witzig?“, wollte Penelope wissen. „Mir ist nur aufgefallen, dass Lucy Fuchs noch nie als ihren Vater bezeichnet hat.“ Lucy antwortete nicht, doch gab sie ihrem Onkel recht. Weder bei ihrer ersten Begegnung, was ja noch verständlich war, weder bei seiner Verhaftung hatte sie ihn als ihren Vater bezeichnet. War Fuchs deswegen enttäuscht? „Habe ich ihn früher Papa genannt?“, fragte Lucy nach einiger Zeit. Ben nickte. „Es war sogar dein erstes Wort.“ Lucy sah wieder aus dem Fenster. Fuchs, nein, Papa, ich will dich wiedersehen, so bald wie möglich, dachte Lucy. Plötzlich schrien Ben und Penelope auf und der Wagen kam mit quietschenden Reifen zum stehen. „Was ist los?!“, schrie Lucy. „D-d-da!“, stotterte Penelope und deutete mit dem Finger auf die Straße vor ihr. Lucy folgte ihrem Blick und erstarrte. Eine Gestalt in zerfetzten Klamotten stand vor ihnen. Sie hielt einen Arm ausgestreckt und hatte die Augen zugeknifften, fast so, als hatte sie versucht das Auto aufzuhalten, war sich aber nicht sicher ob es klappen würde. „Ist das...?“, flüsterte Lucy und stürmte aus dem Auto auf die Gestalt zu. Ben und Penelope riefen ihr zu, sie solle stehen bleiben, der Mann könne gefährlich sein, doch sie ignorierte die Beiden. „Lucy?“, rief die Gestalt. Kurz vor ihm blieb Lucy stehen. „Du bist es!“, keuchte sie und fiel ihm um den Hals. „Papa! Du bist hier! Du bist am Leben und hattest keinen Anfall!“, flüsterte sie. Tränen rannten ihr über die Wangen und wurden von Fuchs' Kleidung aufgesogen. „Du bist endlich wieder bei mir.“,flüsterte Fuchs. Lucy war, als müsse sie auf der regennassen Straße zusammenbrechen, doch die starke Arme ihres Vaters ließen dies nicht zu. Sie glaubte seine Tränen auf ihrer Schulter zu spüren. „Alles wird gut.“, flüsterte Fuchs ihr mit erstickter Stimme ins Ohr. „Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht, Papa. Um dich und Schlange.“ Die Freude, die Fuchs bis eben noch verspürt hatte war wie weggeblasen. Er ließ Lucy los und starrte an ihr vorbei in die Ferne. Der eiskalte Regen, den Lucy zuvor völlig ausgeblendet hatte, prasselte nun mit einer solchen Wucht und Kälte auf sie ein, dass es ihr eine Gänsehaut einjagte. Noch nie, nicht einmal als sie fast gestorben wäre, hatte sie ihren Vater in einem solchen Zustand gesehen. Er war vollkommen weggetreten. Lucy streckte die Hand nach ihm aus und berührte ihn sanft an der Schulter. Fuchs zuckte so stark zusammen, dass man hätte meinen können, Lucy hätte ihn nicht mit der Hand, sondern mit glühender Kohle berührt. „Ist alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt. Fuchs schaute ihr direkt in die Augen. In seinen standen Tränen. Fast hätte Lucy sie mit Regentropfen verwechselt. „Es ist nichts. Sie haben mir nur nicht gesagt wo sie ihn hinbringen, als sie ihn fortschafften.“, antwortete er leise und Lucy verstand sofort wen er meinte. Ben und Penelope waren ebenfalls ausgestiegen und betrachteten schweigend die Szene. „Er liegt auf der Intensivstation.“, gab Ben zu. Fuchs drehte sich zu ihm und Penelope. Als Fuchs Penelope erblickte war er wie versteinert. Seine Miene spiegelte die extreme Wut wieder, die in seinem Inneren war. „Was macht die Verräterin hier?!“