Ohne Worte

 

Sie liegt. Beinahe regungslos. Wenn ich es nicht besser wissen würde, würde ich sie für tot halten. Aber ist sie das nicht auch schon eigentlich? Kann man das noch leben nennen? Nur atmen. Schweres, stockendes Atmen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der Vater ihrer erbarmen wird.

 

So klein, so zerbrechlich. Fast wie ein Kind. Man will sie festhalten. Doch man weiß, dass man sie gehen lassen muss. Jung. Viel zu jung. Sie hätte noch so viel vor sich gehabt. Aber sie hat Schmerzen. Man rückt das Kissen zurecht. Ein leises Stöhnen bahnt sich von weit unten einen Weg nach draußen. Durch ihren leicht geöffneten Mund. Über die ausgetrockneten Lippen. Es schwillt an. Scheint nicht von dieser Welt zu kommen. Das ist nicht meine Oma. Meine Oma, stark und selbstbewusst. Aber vielleicht doch nicht so stark, wie alle immer gedacht hatten. Zeigt sich nun ihr wahres Ich? Ohne Worte. Nur ein Bild.

 

Beruhigende Worte, dann Stille. Schweres Atmen. Jeder Muskel in meinem Körper ist angespannt. Ich will hier raus. Alles scheint mir so unwirklich. Hilfe! So hilf mir doch jemand! Ein stummer Schrei, der meine restlichen Gedanken übertönt. Ein anderer Teil von mir will aber bleiben. Sich von ihr verabschieden. Noch ein Mal. Für immer. Dieser Teil ist stärker. Meine Muskeln lassen nach. Mit winzigen Bewegungen nähere ich mich dem Bett. Ihre Hand ist trocken und rau. Ich reibe sie mit etwas Creme ein. Fühle sie zwischen meinen Fingern. So zart. So schön.

 

Ihre Augen sind geschlossen. Die Gesichtszüge scheinen erschlafft. Ist sie noch hier? Kann sie mich noch hören? Ich setze an zu reden. Ihren Namen. Tausend Worte überschwemmen mich. So vieles will ich ihr noch erzählen. So vieles und doch so wenig Zeit. Ich öffne meinen Mund. Meine Zunge fühlt sich fremd an. Ich kann noch nicht einmal meine Lippen bewegen. Wie spricht man? Die Worte sind so weit weg wie sie.. Ich drücke ihre Hand. Die Trauer übermannt mich. Mit aller Kraft kämpfe ich gegen die Tränen an.

 

Ich beginne zu zittern. Bitte! Bleib! Ich will dich nicht verlieren! Noch nicht! Ich bin noch nicht bereit! Aber tief in mir weiß ich, dass ich mich schon seit langer Zeit mit dieser unumgänglichen Tatsache abgefunden habe. Ich weiß, dass sie nicht mehr will. Und gerade das macht es für mich so schwierig. Ich weiß, dass das hier alles in ihrem Sinne geschieht. Aber nicht für mich. Nicht für mich. Nein.

 

Ich sehe sie an. Spürt sie, dass ich hier bin? Versteht sie mich, ohne dass ich spreche? Ich liebe dich! Wieder drücke ich ihre Hand. Ein letztes Mal. Ich beuge mich vor. Gebe ihr einen Kuss. Auch ohne Worte weiß ich plötzlich, dass sie mich verstanden hatte. Der Teil, der noch von ihr übrig ist, hatte mich zurück gestreichelt. Stumm. Wie ich. Ohne mich zu berühren. Jedoch nicht körperlich. Nur geistig.

 

Ich habe verstanden!

 

 

 

 

 

Merle