Nicht alle Engel haben Flügel

 

Schon den ganzen Weg auf das Dach des 24-stöckigen Hochhauses mache ich mir Gedanken. Ob es richtig ist, was ich vorhabe, ob ich lieber noch eine Woche warten sollte, ob ich es vielleicht gar nicht machen sollte. Ich hatte die Treppe genommen. Vielleicht damit ich noch ein paar Minuten länger habe, vielleicht weil ich Angst habe. Mir kommen ständig Leute entgegen. Was die wohl denken würden, wenn sie bemerkten, dass ich nicht mehr zurückkomme? Ich verdränge den Gedanken, stattdessen konzentriere ich mich auf die Treppenstufen.1,2,3,4,5….den restlichen Weg nach oben zähle ich jede Stufe.

 

Ich bin oben. Ich suche einen Weg um aufs Dach zu gelangen und entdecke eine Feuerleiter. Langsam gehe ich auf sie zu und erklimme sie. Durch eine Luke gelange ich aufs Dach. Der Ausblick ist atemberaubend und ein leichte Brise zerzaust mein schulterlanges Haar. Ich atme einmal tief ein und schließe die Augen. Der kühle Wind beruhigt meine Nerven ein wenig. Ich trete an den Rand des Daches und halte mich an dem kleinen Geländer fest, welches sicherheitshalber hier angebracht wurde. „Lächerlich“,denke ich, als ob mich so etwas aufhalten könnte. Langsam klettere ich über die metallene Absperrung und schaue hinunter auf die Menschen, die von hier oben wie kleine Ameisen aussehen. Keiner von ihnen weiß, dass ich gleich probieren würde zu fliegen. Keiner außer Johanna, meine ehemalige beste Freundin.

 

Sie hatte mich erniedrigt,gemobbt, nennt es wie ihr wollt. Doch ich habe sie immer geliebt, ich konnte sie nie loslassen und weinte Tag für Tag. Alle sagten mir, ich solle sie vergessen, sie ignorieren, doch ich konnte nicht ohne sie. Stattdessen lächelte ich immer wie bekloppt, wenn sie mich anschrie oder trat.

 

Ich lächle traurig und eine Träne rollt meine Wange hinunter. Eine Träne so durchsichtig wie ich für andere bin, so salzig wie der Schmerz des Außenseiters in mir, so vergänglich wie ich.

 

Auf einmal schlug die Falltür auf und Johanna kam hinaufgeklettert. „ Lisa!Tu das nicht!“, ruft sie laut. Ein Lacher kommt über meine Lippen und plötzlich bekomme ich eine riesige Wut auf sie. „Warum sollte dich das kümmern?“, frage ich sie und eine weitere Träne rollt über mein Gesicht. „Weil… weil,..“- „Tja, dir fällt nichts ein, was?“, unterbreche ich sie: „ Warum sollte es dich auch kümmern? Warum sollte es dir nicht egal sein, wenn ich nicht mehr da bin? Weißt du noch? Wir waren die besten Freunde, aber du hast mich verlassen! Soll die Lesbe sich doch umbringen, hast du gesagt. Dir war es egal, dass ich innerlich zerbrach, dir war es egal, wie ich fühlte und jetzt kommst du an und sagst, ich soll es nicht tun? Nach allem was du mir angetan hast?“ Mein Griff um das Geländer lockert sich. „ NEIN!“, schreit Johanna und macht einen Schritt vorwärts.Ich schaue sie mit Tränen in den Augen an und frage: „ Warum? Warum hast du das getan?“ „Ich weiß es nicht.“, flüstert sie: „Ich weiß es nicht.“ Ich schließe meine Augen und hole einmal tief Luft. Dann lächle ich, öffne meine Augen und sage: „Leb wohl, Johanna!“ Ich sehe noch wie ein geschockter Ausdruck auf ihr Gesicht wandert und höre ein gehauchtes „ Nein!“, bevor ich loslasse und rücklings vom Gebäude falle.

 

 

 

Anabel

 

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