Eva

 

Samstagabend. Helles Licht beleuchtete den scheinbar endlos langen Flur. 305. Das war ihre Zimmernummer. An den Türen sah ich Zahlen. 297, 299, 301, 303 und zu guter Letzt die besagte 305. Ich starrte die Tür an. Ich wollte sie nicht öffnen, denn ich hatte Angst. Angst vor dem, was passieren würde, wenn ich den Raum betrat und was passiert sein würde, wenn ich ihn wieder verließ. Lange starrte ich das dunkle Holz an, bevor ich mich dazu entschloss, den Raum doch zu betreten.

 

Schließlich kriegt uns der Tod sowieso irgendwann. Früher oder später ist jeder an der Reihe, dachte ich, und nun holt er Eva. „Du kannst nicht vor allem wegrennen“, hatte sie immer gesagt. Dieser Satz, der mich sonst immer ermutigt hatte, machte mich einfach nur noch fertig. Mir kam das alles so unwirklich vor. Eva war immer eine mutige Frau mit dem Willen eines Kämpfers gewesen, doch nun, als ich mich endlich überwunden hatte und den Raum betreten hatte, schien es so, als würde dies ihr letzter Kampf sein, das Ende praktisch vorbestimmt. Sie konnte nur verlieren. Eva hasste es zu verlieren, egal ob bei „Mensch ärgere Dich nicht!“ oder bei den wirklich wichtigen Dingen im Leben. Jetzt schien es mir aber so, als wäre selbst dieser Wille verloren. Sie wollte nur noch eins: Sterben.

 

Eva hatte Krebs im Endstadium, die Heilungschancen waren miserabel. Die einzig wirkliche Heilung bedeutete in diesem Fall der Tod. Doch war das ein würdevolles Ende für Eva? Wann ist das Ableben eines Menschen überhaupt würdevoll? Und warum ausgerechnet Eva? Ich hatte bereits auf der Fahrt von Zuhause in die Schweiz, wo wir uns gerade befanden, versucht, Antworten zu finden, doch es gab einfach keine. Keine einzige. Ich wusste nicht weiter, denn der Tod war doch auch keine Lösung,oder? Dann blieb nur noch das Leben übrig. Aber war das eine Lösung für Eva?

 

Anscheinend nicht. Sonst hätten wir uns nicht hier versammelt, um Abschied zu nehmen. Für immer.

 

Im Raum, in dem sich außer mir und Eva noch ihre Kinder befanden, war es dunkel. Dunkel, als wäre der Tod schon längst eingetroffen. Es herrschte Stille, ich fühlte mich unwohl. Niemand, der im Raum war, fand Worte. Keiner von uns konnte, selbst wenn er wollte, auch nur ein einziges Wort sagen. Es war bedrückend.

 

Nach weiteren Momenten der Stille entschloss ich mich, zu Eva zu gehen. Ich wollte Abschied nehmen. Nein, ich musste, denn ich hatte gar keine andere Wahl. Also schritt ich an ihr Bett heran und beugte mich zu ihr vor, um sie zu umarmen. Erst aus dieser Nähe konnte ich erkennen, wie schwach sie doch war. Langsam versuchte Eva sich, so gut es ging, aufzurichten. Schweren Herzens legte ich meine Arme um sie. Mit allerletzter Kraft tat sie es mir gleich. Ich spürte, wie eine Träne meine Wange herunterlief. Es war nur noch eine Frage von Minuten und ich könnte sie nicht mehr umarmen. Nie wieder. Allmählich ließen wir einander los, Eva lehnte sich mühsam wieder zurück und ich ging zu den anderen. Nun machten sich auch Evas Kinder auf den Weg zu ihr, doch ich konnte es nicht mehr ertragen. Ich konnte sie nicht mehr ansehen. Es war, als spürte ich, wie mein Herz in abertausend Teile zerbrach.

 

Bald darauf kam auch er in das Zimmer, der Sterbehelfer, der Eva den Tod bringen sollte. Er gab ihr einen Becher, gefüllt mit einer Art Cocktail, den sie gleich zu sich nehmen würde. Vorsichtig nahm Eva das Gefäß in ihre Hand. Bevor sie ihn trank, schaute sie noch ein letztes Mal zu uns hoch und brachte mühselig ihre allerletzten Worte hervor: „Man kann nicht immer gewinnen.“

 

 

 

Maria

 

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